Das Schläferschiff
von Marco Ansing
Es ruckelte sanft, als die A.R.C.H.E. die letzte chemische Stufe abwarf. Sofort nahm der Ionenantrieb seine Arbeit auf. Valentin erhob sich aus dem Sessel. Seine Arbeit war getan, er konnte nun wie die anderen 500.000 Menschen in den Kryostasetank klettern und die Reise an sich vorbeiziehen lassen. Mehrere hundert Jahre sollte die A.R.C.H.E. nun unterwegs sein.
Neben der biblischen Bedeutung des Schiffnamens handelte es sich auch um ein Akronym: Auto-Reacting Cryo-Hibernation Engine. Valentin löschte das Licht im Cockpit, blickte ein letztes Mal auf die Anzeigen. Alles im grünen Bereich.
Hinter der Schleuse der Kommandozentrale befand sich ein langer metallener Steg. An seinem Ende lag der Reaktorraum. Auf jeder Seite reihten sich 250.000 Tanks mit den Schlafenden. So viele, die wie er dem Chaos auf der Erde entflohen und ihr gesamtes Vermögen für diese Chance ausgegeben hatten. Eine bessere Welt erwarte sie, ein neuer Anfang auf einer weit entfernten Kolonie.
Sehnsüchtig blickte Valentin über sich in die Schwärze des Alls. In der Ferne konnte er den Jupiter erkennen. Weit hinter ihm lagen jetzt die Konflikte radikaler Organisationen, Glaubensrichtungen und Bewegungen, die um Rohstoffe und Ideologien kämpften.
Halt suchend griff der Sicherheitsmann nach dem Geländer. In der Dunkelheit machte ihn die Unendlichkeit immer nervös. Irgendwo dort war der neue Anfang. Valentin freute sich darauf. Dieser Job auf der A.R.C.H.E. entsprach seinen Fähigkeiten und gab ihm das gute Gefühl für das richtige Ziel. Innerlich schauderte er bei dem Gedanken an die Zeit, als er noch Polizist war. Er hatte als verdeckter Ermittler bei den Apokalyptikern gearbeitet. Ungern erinnerte er sich an die brutale Sekte. Die Mitglieder versuchten das Ende vorzubereiten und zu beschleunigen. Sprengstoffattentäter warfen sich in Menschenmassen, Schützen töteten Kinder auf Spielplätzen. Die Apokalyptiker kämpften an allen Fronten mit allen Mitteln, und seien sie noch so verwerflich. Die Menschheit müsse ausgelöscht werden, damit am Ende eine neue himmlische Welt aus der Asche der alten auferstehen könne. Noch immer brach ihm der Schweiß aus, wenn er sich an die Aufnahmeprobe erinnerte. Dabei führten sie alle Neulinge in ein Labyrinth. Man musste den "Weg ins Licht" hinaus finden. Der Ritus wurde zusätzlich durch ein halluzinogenes Gas in den Gängen pervertiert. Valentin hatte nur knapp bestanden und überschwängliche Dankbarkeit in sich gefühlt, als er den Job nach zwei Jahren beenden durfte.
Er seufzte und ging weiter. In Reihe sieben auf der linken Seite, neunter Block, lag seine Kryostasekammer. Er drückte auf den Knopf am Pult. Die Tür des Zylinders glitt zur Seite. Valentin fröstelte. Sein "Bett" war kalt und bereit.
Er betätigte seinen Funkempfänger, den er um den Arm trug:
"N.O.A.H., ich werde mich nun schlafen legen. Alles auf Automatik umschalten."
"Wie Sie wünschen", antwortete eine emotionslose Stimme.
Bei N.O.A.H. handelte es sich um das Computersystem des Schiffes. Das Akronym bedeutete nichts anderes als Neurologically Operating Artificial Human. N.O.A.H. sorgte für die Navigation des Zivilschiffs und die gleichmäßige Temperatur der Kälteschlafkammern. Valentin begann sich aus dem grauen Overall zu pellen.
Ein letztes Mal blickte er sich um. Man konnte in den Kryostasekammern niemanden hinter den mit Rauhreif bedeckten Scheiben erkennen. Die Reisenden wirkten hier so anonym. In der Datenbank hingegen stand alles über jeden Passagier: Beruf, Geschlecht, Gesundheitszustand, Herkunft und Ambitionen in der neuen Welt.
Die grünliche Reisebeleuchtung tauchte das Glas der Kammern in eine gespenstische Farbe.
Valentin erschrak, als sein Blick den Korridor entlang schweifte. Ein roter Schriftzug zog sich über vier Einheiten: Die Reise muss enden!
Ungläubig trat Valentin näher. Vorsichtig berührte er die Zeichen. Die Farbe war frisch, sie musste vor kurzem erst auf die Tanks gesprüht worden sein.
"N.O.A.H.? Wer ist außer mir noch wach?"
"Niemand."
"War jemand in den letzten Stunden wach? Seit die Mannschaft zu Bett gegangen ist?" Bett war sicher nicht der richtige Ausdruck, aber Valentin fühlte sich wohler, wenn er den Kälteschlaf mit normalen zu Bett gehen verglich.
"Nein."
"Wie viele Personen sind in Kryostase?"
"499.999 Personen."
"Wie viele Menschen sind an Bord?"
"500.000 Menschen."
Hatte jemand den Rechner überlistet? Und wenn ja, was hatte die Person vor? Valentin bekam es mit der Angst zu tun.
"N.O.A.H., Systemkontrolle!"
"Mein System arbeitet in den vorgegebenen Parametern, keinerlei Abweichungen."
"Tiefenkontrolle, Reaktor und Lebenserhaltung einbeziehen!"
"Beginne. Die Kontrolle wird zwei Stunden in Anspruch nehmen."
Valentin deaktivierte seine Kryostasekammer. Solange hier irgendetwas nicht stimmte, war an Schlaf nicht zu denken.
Was hatten die Worte zu bedeuten? Eine Drohung, das war klar. Gab es etwa einen Saboteur an Bord? Was hatte er vor? Valentin überlegte. Ihm fielen nur drei sensible Stellen im Schiff ein: das Computersystem, die Lebenserhaltung und der Reaktor. Die beiden ersten Teile waren überaus gut gesichert. Man musste ein Experte sein, um hier Schaden anzurichten. Der Reaktor hingegen ließ sich sehr viel leichter sabotieren.
Valentin stürmte los. Er konnte sich weiß Gott etwas Besseres vorstellen, als in den Jupiter zu stürzen. Er brauchte einige Zeit, um das Ende des Stegs zu erreichen. Seine Schritte hallten von den metallenen Wänden des Raumschiffes wider.
An der Reaktortür angekommen, begann er am Verschlussmechanismus zu drehen. Das Rad musste zum Anschlag bewegt werden, erst dann konnte die Schleuse geöffnet werden. Das Schiff teilte sich in drei Bereiche: Cockpit, Habitat und Reaktorraum. Die Kryostasekammern waren so stabil, dass sie sogar dem Druck und der Kälte des Alls standhalten konnten. Ob die Insassen aber die Temperaturschwankungen überlebten, wusste niemand.
Mit einem zischenden Geräusch öffnete sich das Schott. Plötzlich kam Valentin ein Gedanke:
"N.O.A.H., wurde die Tür zum Reaktorraum seit dem Start geöffnet?"
"Ja."
Die Computerstimme klang etwas belegt, was wohl an dem laufenden Kontrollprozess lag.
Der Eindringling war also hier gewesen. Ob er sich noch bei der Maschine aufhielt? Valentin verfluchte seine Mitreisenden. Man hatte allen Waffen abgeschworen, was durchaus löblich, aber im Moment äußerst nachteilig für ihn war. Leise schloss er die Luke hinter sich, was ein kleines Kunststück bedeutete, immerhin war die Stahltür einen halben Meter dick.
Vorsichtig drehte der Sicherheitsbeamte das Rad und versiegelte damit den Raum. Unter ihm lag der Linearbeschleuniger, ein Teilchenbeschleuniger, der die ionisierten Xenongasteilchen auf die gewünschte Geschwindigkeit trieb. Der Neutralisator fügte dem Strahl wieder Elektronen zu. Mit dem Ausstoß bewegte sich das Schiff. Solarzellen an der Außenhaut der A.R.C.H.E. sorgten für die nötige Energie.
In dem kleinen Reaktorraum konnte sich niemand verbergen. Trotzdem wachsam stieg Valentin eine Leiter hinab. Unsicher blickte er in jede Ecke. Am Ende des Raumes türmten sich die zwei großen Xenonbehälter auf, die für die Stützmasse sorgten. Es gab noch zwei chemische Raketen am Rumpf der A.R.C.H.E., die dem Raumschiff bei der Landung helfen sollten. Der momentan stillgelegte Atomspaltmeiler war ein roher Kasten zu seiner Rechten. Solange das Schiff durch das Solarsystem reiste, konnten die gewaltigen Akkumulatoren aufgeladen werden. Sobald die A.R.C.H.E. sich zu weit von der Sonne entfernte, erwachte der Meiler zum Leben.
Es war still im Raum. Als Valentin zum Neutralisator kam, spürte er die beruhigende Vibration des normalen Betriebs. Hatte N.O.A.H. am Ende recht? Gab es gar keinen Saboteur? Aber wer hatte dann die Farbe versprüht?
Valentin betrachtete das Display der Konsole. Die Anzeigen befanden sich im Normbereich. Aber er wunderte sich trotzdem, hatte er doch damit gerechnet, dass ein Ionenantrieb ein Geräusch von sich gäbe.
"N.O.A.H.? Bist du sicher, dass alles in Ordnung ist mit dem Reaktor?"
"100 Prozent."
Langsam schritt Valentin den Linearbeschleuniger entlang bis zu den Xenontanks. Ein Blick auf die Tankanzeige genügte, um ihm einen Kälteschauer über den Nacken zu jagen.
"N.O.A.H.? Wieso sind die Ventile zu den Xenonbehältern verschlossen?"
"Die Ventile sind geöffnet."
"Wie lange, bis die Kontrolle abgeschlossen ist?"
"Eine Stunde."
"Bisherige Ergebnisse?"
"Reaktor und Lebenserhaltung arbeiten optimal. Tiefenkontrolle des Bordcomputers steht noch aus."
"Das war ja klar", murmelte Valentin.
"Ich habe Sie nicht verstanden. Bitte geben Sie Ihre Befehle laut und deutlich."
"Vergiss es", rief der Sicherheitsmann und drehte das Ventil auf. Sofort begann der Reaktor zu brummen. Hoffentlich hatte die A.R.C.H.E. nicht zu viel Fahrt verloren. Die Beschleunigung per Ionenantrieb dauerte Monate. Wobei der geringe Widerstand im All zu keinem Geschwindigkeitsverlust führen sollte. Lediglich Gravitationsfelder konnten das Raumschiff vom Kurs bringen.
Valentin erinnerte sich an den gefährlich nahen Jupiter und schluckte. "Die Anziehungskraft des Gasriesen ist gewaltig" dachte Valentin fieberhaft. Hatte der Saboteur sein Ziel womöglich schon erreicht? Die Navigation musste kontrolliert werden. Valentin eilte die Treppe hinauf und erstarrte. Auf der Tür stand in roten Lettern: Das Ende ist jetzt!
Wie war der Kerl hereingekommen? Wo war er? Valentin hätte das Schott hören müssen. Vielleicht stand der Saboteur noch vor der Tür. Valentin zog an dem Rad, doch es ließ sich nicht mehr drehen.
"N.O.A.H., Tür entriegeln!"
Es klackte.
"Tür ist entriegelt."
"Wer war noch hier im Raum? Wer hat das an der Tür geschrieben?"
"Sie sind die einzige wache Person an Bord."
Valentin schüttelte ungläubig den Kopf. Das war einfach unmöglich. Er sah die Schrift doch vor sich. Sie glänzte feucht, also musste sie eben auf das Metall gesprüht worden sein. Wurde er denn verrückt? Der Satz bewies doch, dass er nicht allein war. Ängstlich blickte sich Valentin um. Er befand sich allein im Raum. Niemand konnte sich hier verstecken. Der Saboteur musste in den anderen Teilen der A.R.C.H.E. sein.
"N.O.A.H., entlüfte die Bereiche Cockpit und Habitat."
"Es wird dringend von einer Entlüftung abgeraten. Der Luftvorrat ist begrenzt."
"Tu es, verdammt noch mal!", brüllte Valentin.
"Cockpit und Habitat werden entlüftet."
Valentin sank auf den Boden. Seine Knie zitterten und konnten ihn nicht mehr tragen. Er musste nur warten und sein Gegner, wer immer es auch war, würde ersticken. Nach zehn Minuten erhob er sich.
"N.O.A.H., Habitat und Cockpit wieder belüften."
"Habitat und Cockpit werden belüftet."
Zwanzig Minuten später verließ Valentin den Reaktorraum, schloss säuberlich die Luke hinter sich und marschierte direkt zum Cockpit. Er musste den Computer untersuchen. Irgendetwas stimmte nicht.
Als er das Cockpit betrat, schrie er erschrocken auf. Nein, das konnte nicht sein. Auf dem Glas stand erneut eine Botschaft: Ich bin nicht tot, Valentin. Das Werk muss vollendet werden.
"Wo bist du? Wer bist du?", brüllte Valentin.
Nur das Echo seiner Stimme antwortete. Oder klang in der Ferne ein Lachen? Bildete er sich das ein?
"Ich habe Sie nicht verstanden. Bitte geben Sie Ihre Befehle laut und deutlich", erklang die Stimme von N.O.A.H.
"Ach halt die Schnauze."
"Wie Sie wünschen."
"Der Dreckskerl ist mir immer einen Schritt voraus. Hat er einen Raumanzug? Und wenn er gerade über die Außenhaut spaziert?".
Valentin versuchte die Schriftzeichen nicht weiter anzusehen.
"Tiefenkontrolle des Bordcomputers abgeschlossen. Keine Anomalien feststellbar", schnarrte N.O.A.H.
"Du musst dich irren! Gibt es denn keine Veränderungen?"
"Seit dem Start wurde nur eine Modifizierung implementiert."
"Modifizierung? Was für eine Modifizierung?"
"Das Ventilprogramm des Reaktors wurde verändert."
Valentin wusste, dass nur Spezialisten in das Computersystem des Reaktors eindringen konnten, und nur äußerst wenige Leute kannten das Programm von N.O.A.H.
"Wer hat die Veränderung durchgeführt?"
"Sie."
Valentin sackte verdutzt in den Sessel. Er? Niemals. Siedend heiß überlief es ihn. Jemand musste seine Passwörter benutzt haben. Anders konnte es nicht sein. Valentin kam eine Idee und er klammerte sich daran wie ein Ertrinkender an ein Stück Holz.
"N.O.A.H., errechne das aktuelle Gewicht der A.R.C.H.E. Schließe dabei alles ein, Personen, Geräte, einfach alles. Ziehe dann die Masse und 500.000 Menschen ab. Das genaue Gewicht der Personen müsste ja in den Krankenakten gespeichert sein. Bleibt etwas übrig?"
"Berechnung im Gang."
Selbst wenn der Gast später an Bord gekommen war - und davon war Valentin nun überzeugt -, musste sein Gewicht messbar sein.
"Keinerlei Restmasse."
Valentin sprang aus dem Sessel:
"Nein! Das kann nicht sein. N.O.A.H., hier ist eine Person zu viel an Bord! Neuberechnung."
Doch auch die folgenden Berechnungen kamen immer wieder auf dasselbe Ergebnis. Der Sicherheitsmann taumelte. Das konnte doch nicht wahr sein! Er sackte fassungslos auf die Knie. N.O.A.H. musste defekt sein. Das war doch alles nicht wahr. Die Verantwortung für die Sicherheit von 500.000 Menschen lag bei ihm. Er versagte, aber das durfte er einfach nicht. Wer war dieser Unbekannte? Wer? Valentin trommelte verzweifelt mit den Fäusten auf den Linoleumboden. Plötzlich fiel etwas klappernd aus seiner Overalltasche und rollte scheppernd gegen die Cockpitkonsole: eine Spraydose. Eine rote Lackspraydose.
"Nein, ...", presste Valentin hervor.
Alles begann sich um ihn zu drehen. Er konnte ein Lachen hören, ein fernes Lachen. Alles verschwamm vor seinen Augen. Was war damals bei den Apokalyptikern wirklich geschehen? Was hatten sie mit ihm getan, wovon er erst jetzt etwas bemerkte? Er musste die Crew beschützen.
Nein, diese Reise musste enden, sie war falsch. Er war für die Sicherheit verantwortlich. "Die Reise muss ENDEN!"
Fassungslos über seine eigenen Worte starrte Valentin aus dem Cockpitfenster. Beängstigend nahe drohte die Silhouette des Jupiters unter ihm. Wie ein Maul wurde der rote Wirbelsturm auf der Oberfläche des Planeten größer und größer, als erwarte er hungrig die so leichtsinnig heranschwebende Mahlzeit. In den wenigen Sekunden, die Valentins Hände brauchten, die Kontrollen zu berühren, rückte der gigantische Planet sichtlich näher. "Ich muss es aufhalten", murmelte er vor sich hin und zerrte an den Hebeln, aber der Ionenantrieb hatte der Anziehungskraft des Gestirns nichts entgegenzusetzen. Wenn er den Atommeiler anwarf dann ... das würde zuviel Zeit benötigen. "Der Mensch muss von Angesicht des Kosmos getilgt werden", schoss es durch seinen Schädel.
"Nein!", brüllte er und hämmerte auf die Knöpfe ein.
Doch der Gasriese füllte bereits das Aussichtsfenster komplett aus.
"Das Ende ist jetzt", keuchte er.
"Bilder des Raumteleskops Hawking zeigen, dass der so euphorisch gefeierte Flug der A.R.C.H.E., einem Kolonieschiff, das vor einem Monat nach Alpha Centauri aufbrach, vorgestern in einer Havarie endete. Das Schiff stürzte in den Jupiter."
Die Nachrichtensprecherin machte eine Pause und Bilder eines gewaltigen quaderförmigen Schiffes flimmerten auf den Bildschirmen der Erde.
"500.000 Menschen kamen auf dem Schläferschiff ums Leben. Wissenschaftler sehen sich bestätigt, dass die zivile Raumfahrt noch immer in den Kinderschuhen steckt."
Alle Rechte beim Autor
Ein besonderer Dank geht an Tatjana Stöckler für ihr tatkräftiges Lektorat.